Rosa Winkel - Die Verfolgung Homosexueller im Nationalsozialismus
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Rudolf Brazda

Dachdecker

Rudolf Brazda wird am 26.6.1913 in Brossen bei Meuselwitz geboren. Eigentlich möchte er Schaufensterdekorateur werden, doch er findet nur eine Lehrstelle als Dachdecker. Zeitweise ist er Mitglied in einer kommunistischen Jugend-organisation. Darüber hinaus betätigt er sich als Tänzer, seine Spezialität ist eine Josephine-Baker-Imitation.

1933 begegnet Brazda dem Handlungsgehilfen Werner Bilz, für ihn ist es Liebe auf den ersten Blick: „Auf einmal sehe ich da den wunderschönen jungen Burschen. Ich war fast wahnsinnig, kann man sagen. Er stand dort vor dem Bassin, mit einem langen Bademantel an und ich habe gedacht, wie könnt ich bloß mit ihm zusammenkommen, soll ich ihn ansprechen? Ich bin zu ihm hingelaufen, aber ich habe keine Worte gefunden. Da habe ich ihn einfach ins Wasser gestoßen und er schwamm dann, der Bademantel hat ihn ins Wasser gedrückt und zum Glück habe ich ihn gleich greifen können und habe ihn rausgeholt aus dem Bad. Er hat mehr gelacht als geweint und hat mir keinen Vorwurf gemacht. Vielleicht hat er auch an mir Gefallen gefunden. Das war auch so. Auf einen Blick. Ich habe ihn also rausgeholt, den Mantel ausgezogen, bin mit ihm in die Dusche gegangen und habe ihn abgeduscht, mit dem Handtuch abgetrocknet, das hat ihm gefallen. Ich habe ihn gleich gefragt, was wir heute Abend machen und er sagte: ‚Ich weiß nicht, wollen wir uns treffen?‘“

Rudolf Brazda
Rudolf Brazda zu Beginn der 30er Jahre
Bildquelle: Nachlass Brazda

In den folgenden Jahren sind die beiden ein Paar und das Zentrum eines homosexuellen Freundeskreises, der sich bei privaten Feiern mit Kartenspielen, Tanz und Travestie vergnügt. Um ihre Freundschaft zu besiegeln, feiern sie schließlich sogar eine Hochzeit, zu der auch die Verwandten eingeladen werden: "Das war eigentlich nicht im ernstlichen Gedanken, das war ja alles nur im humoristischen Sinn gemacht. Da war auch einer von meiner Verwandtschaft, der uns als Pfarrer den Segen gegeben hat. Wir wollten ja auch keine ernstliche Feier, wir wollten einfach gemütlich sein. Wir haben mit dieser Hochzeit einfach eine schöne lustige Feier gehabt."

Im Frühjahr 1937 gerät erst sein Freund Reinhold Winter ins Visier der Polizei, am 7. April wird auch Brazda verhaftet. Das Landgericht Altenburg verurteilt ihn schließlich zu sechs Monaten Gefängnis. Nach Verbüßung der Strafe wird der Sohn tschechischer Einwanderer aus Deutschland ausgewiesen. Brazda geht nach Karlsbad, wo er sich zunächst als Seifenverkäufer durchschlägt. Später verdient er sein Geld mit Josephine-Baker-Imitationen und zieht mit einer jüdischen Theatertruppe durch Böhmen. Dabei lernt er auch seinen zweiten Freund Toni Hartl kennen. Nach der Besetzung des Sudetenlandes durch deutsche Truppen leben Brazda und Hartl zurückgezogen in Karlsbad.

1941 wird ein Freund Brazdas denunziert, in der Folge werden auch Brazda und Hartl verhaftet. Als "Wieder-holungstäter" wird Brazda vom Landgericht Eger zu 14 Monaten Gefängnis verurteilt. Nach Verbüßung der Haftstrafe deportiert man ihn am 8.8.1942 ins Konzentrationslager Buchenwald. Wie die meisten "Rosa-Winkel-Häftlinge" wird auch er der Strafkompanie des Steinbruchs zugeteilt. Mit Hilfe verschiedener Kapos bekommt er schließlich eine weniger gefährliche Tätigkeit in einem Baukommando zugeteilt. Nur durch diesen Aufstieg in der 'Lagerhierarchie' überlebt Brazda letztlich die KZ-Haft. Nach seiner Befreiung durch die Amerikaner lässt er sich in Mülhausen (Frankreich) nieder, wo er einen neuen Freund findet, mit dem er fünfzig Jahre zusammenlebt.

Wie den meisten anderen Verfolgten ist auch Brazda eine Rehabilitierung wichtig. Am 6.4.1988 stellt er einen Entschädigungsantrag nach der neu geschaffenen Härtefallregelung des Allgemeinen Kriegsfolgengesetzes. Doch der Antrag wird gar nicht erst bearbeitet. Zur Begründung teilt man ihm nach neun Monaten mit, dass "nach § 5 der Richtlinien gefordert wird, dass der Antragsteller die deutsche Staatsangehörigkeit haben muss". Obwohl in Deutschland geboren und aufgewachsen, wurde Brazda die deutsche Staatsangehörigkeit nie zuerkannt, seit Anfang der 60er Jahre ist er französischer Staatsbürger.

Doch Brazda gibt sich damit nicht zufrieden und legt Widerspruch ein. Er möchte nur eine "einmalige Wiedergutmachung", denn es geht ihm „allein um die gewisse noch nicht bekommene Entschädigung, dass ich die Genugtuung habe“, für das, „was ich durchgemacht hatte“. Er „möchte nur die Wiedergutmachung, die auch alle, die in Frage kommen, bekommen haben“. Die Oberfinanzdirektion Freiburg zeigt in ihrem Antwortschreiben zwar Verständnis für Brazdas „schweres Schicksal“, kann ihm aber auch nur die vollkommen aussichtslose Rechtslage erläutern. Dieser reagiert darauf nicht mehr, was als Rücknahme seines Antrages gewertet wird.

Als Brazda 2008 von der bevorstehenden Einweihung des Berliner "Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen" hört, wendet er sich an den Berliner Lesben- und Schwulenverband. Zum Christopher Street Day im Juni 2008 reist er nach Berlin und besichtigt das Denkmal – gemeinsam mit Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit. Das immerhin ist für ihn eine gewisse "Genugtuung".

Gemeinsam mit dem Historiker Alexander Zinn erarbeitet Brazda seine Biografie, die im April 2011 im Campus Verlag erscheint. Brazda stirbt am 3.8.2011 im Alter von 98 Jahren in einem Pflegeheim im elsässischen Bantzenheim.

Literaturtipps:

Alexander Zinn: "Das Glück kam immer zu mir". Rudolf Brazda Das Überleben eines Homosexuellen im Dritten Reich. Frankfurt am Main 2011: Campus. Link zum Buchtipp

Alexander Zinn: "Aus dem Volkskörper entfernt"? Alltag und Verfolgung homosexueller Männer im "Dritten Reich". Dissertation am Max Weber Kolleg der Universität Erfurt. Berlin 2016.

© Alexander Zinn 2017