Rosa Winkel - Die Verfolgung Homosexueller im Nationalsozialismus
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Ernst Röhm

Hauptmann und Stabschef der SA

Ernst Röhm wird am 28.11.1887 in München geboren. Nach dem Abitur beginnt er 1906 eine Karriere als Berufssoldat in der Bayerischen Armee. Im Ersten Weltkrieg mehrfach verwundet, wird er mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet und avanciert zum Generalstabsoffizier. Nach dem Krieg schließt sich Röhm dem Freikorps Epp an und beteiligt sich 1919 am Sturz der bayerischen Räteregierung. Gemeinsam mit anderen völkisch-nationalistischen Reichswehroffizieren gründet er die Offiziersvereinigung „Eiserne Faust“. Hier trifft er im Herbst 1919 erstmals Adolf Hitler, mit dem ihn seither eine enge politische Freundschaft verbindet. 1920 tritt er der NSDAP bei, 1923 ist er an Hitlers Putsch-Versuch in München beteiligt, wofür er zu fünf Monaten Festungshaft verurteilt wird. Im Anschluss widmet er sich dem Aufbau der SA, 1925 überwirft er sich jedoch mit Hitler und zieht sich von seinen Ämtern zurück. 1928 geht Röhm nach Bolivien, um am Aufbau der bolivianischen Armee mitzuwirken. 1930 holt ihn Hitler zurück an die Spitze der SA, denn nur Röhm traut er zu, diese zu einer schlagkräftigen Formation auszubauen.

1924 entdeckt Röhm nach eigener Aussage seine Homosexualität, später wird er sogar Mitglied in der Homosexuellenorganisation „Bund für Menschenrecht“. Auch wenn er sich in der Öffentlichkeit nie zu seiner Veranlagung bekennt, macht er daraus in seinem engeren sozialen Umfeld kein Geheimnis. In mehreren Briefen korrespondiert er beispielsweise mit dem Arzt Karl-Günther Heimsoth über seine persönlichen Vorlieben. Und auch Hitler scheint über Röhms Veranlagung schon früh informiert zu sein. So erfährt er von einem Vorfall, bei dem Röhm im Januar 1925 von einem jungen Mann bestohlen wird, den er aus einer Berliner Homosexuellenbar mit in sein Hotelzimmer genommen hat. Röhm zeigt den Diebstahl an, worauf ihn der junge Mann beschuldigt, sich ihm sexuell genähert zu haben.

Adolf Hitler und Ernst Röhm (rechts) im August 1933


Adolf Hitler und Ernst Röhm (rechts) im August 1933
Bildquelle: Bundesarchiv


Mit großen Teilen der NSDAP-Führungsriege liegt Röhm in Fragen von Moral und Sittlichkeit über Kreuz. Und das macht er auch öffentlich deutlich. In seiner 1928 veröffentlichten Biografie „Die Geschichte eines Hochverräters“ macht er keinen Hehl daraus, dass sein Kampf auch „einer gesellschaftlichen Ordnung, die an Stelle gesunder Anerkennung natürlicher Vorgänge und Erkenntnisse Heuchelei, Lüge, Verstellung, Prüderie und unangebrachte Entrüstung vorschreibt“, gelte. Das Thema Homosexualität spricht Röhm allerdings nicht direkt an, obwohl er „mit dem Absatz über Moral vor allem gegen den § 175“ kämpfen will, wie er Heimsoth am 3.12.1928 schreibt.

Dass derartige Ausführungen in weiten Teilen der NSDAP auf wenig Gegenliebe stoßen, ist nicht weiter verwunderlich. Röhms Ernennung zum Stabschef der SA bringt das Fass dann zum Überlaufen. Schon in den ersten Wochen nach seinem Dienstantritt kommt es zu zahlreichen Beschwerden, sodass sich Hitler am 3.2.1931 genötigt sieht, „Angriffe wegen des Privatlebens“ verschiedener SA-Führer und -Männer in einem Erlass zurückzuweisen: Die SA sei „keine moralische Anstalt zur Erziehung von höheren Töchtern, sondern ein Verband rauer Kämpfer.“ Mit dieser Erklärung gibt Hitler die offizielle Linie für die nächsten dreieinhalb Jahre vor. Daran ändern auch die Versuche der Linksparteien, Röhms Homosexualität politisch auszuschlachten, nur wenig. Die von der sozialdemokratischen Zeitung Münchner Post im April 1931 losgetretene Pressekampagne gegen Röhm, in deren Verlauf seine Homosexualität in immer schärferen und hysterischeren Worten gegeißelt wird, wird seitens der Nationalsozialisten kaum kommentiert.

Doch intern sorgt Röhms Homosexualität weiterhin für große Unruhe. Im März 1932 gipfelt diese schließlich in einem Mordkomplott. Eingefädelt von Parteirichter Walter Buch, Vorsitzender des „Untersuchungs- und Schlichtungsausschusses der NSDAP“, sollen Röhm und einige seiner Mitarbeiter im Braunen Haus umgebracht werden. Einer der gedungenen Mörder glaubt jedoch, einer „Schnapsidee“ aufgesessen zu sein und vertraut sich seinem Opfer an.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten bricht der Konflikt über das Thema Homosexualität immer wieder auf. Als Göring im März 1933 Homosexuellenkneipen schließen lässt, scheint sich Röhm gegen diese Maßnahme zur Wehr zu setzen. Rudolf Diels, Leiter des am 26.4.1933 gegründeten Geheimen Staatspolizeiamtes, berichtet jedenfalls, Röhm habe die Schließungen „als einen Hieb gegen sich gedeutet“ und zum Anlass einer Beschwerde bei Hitler genommen, woraufhin dieser Diels dafür verantwortlich gemacht habe, „dass dieser dummen polizeilichen Praxis ein Ende bereitet wird“.

Röhm, nach Hitler der zweitmächtigste Mann im neuen NS-Staat, pflegt damals einen erstaunlich offensiven Umgang mit seiner Homosexualität. Wie verschiedene Zeitzeugen berichten, werden in seinem Umfeld einschlägige Partys veranstaltet. Und auch bei offiziellen Anlässen halten sich Röhm und einige andere Homosexuelle aus seinem Umfeld nur wenig zurück. So berichtet Bella Fromm, Gesellschaftsreporterin des Ullstein-Verlags, in ihrem Tagebuch über einen Empfang in der türkischen Botschaft am 30.10.1933:

„Gruppenführer Karl Ernst lag bequem ausgestreckt auf einem rosafarbenen Seidensofa, mit den Stiefeln ruhte er auf einem Damastsessel. Er brüllte nach mehr Champagner … Plötzlich trat Alfred Rosenberg, der ‚Parteipapst‘, auf. Gruppenführer Ernst war gerade dabei, einen von den braunen Jünglingen auf seinen Knien zu wiegen. Rosenberg erstarrte vor Wut bei diesem Anblick. Ich konnte nicht verstehen, was der ‚Parteipapst‘, der wie üblich im Frack war, zwischen den Zähnen hervorzischte. Ich hörte aber, was Röhm darauf antwortete. Er schlug sich auf die Schenkel und brüllte: ‚Seht nur dieses Baltenschwein! Das Püppchen hat ja nicht einmal den Mumm zu trinken ...“

Fromms Bericht macht deutlich, wie virulent der Konflikt um Fragen von Moral und Sittlichkeit zwischen Röhm, dem NS-Chefideologen Rosenberg und anderen NS-Führern ist. Eine Schlüsselfigur ist dabei der SS-Führer Heinrich Himmler, der schon im Sommer 1933 beginnt, Informationen über das homosexuelle Umfeld Röhms zu sammeln. Himmler gelingt es, Hitler in dieser Frage immer weiter auf seine Seite zu ziehen. Offenbar überzeugt er Hitler von seiner Verschwörungstheorie einer Unterwanderung und Zerstörung des Staates durch Homosexuelle. So berichtet der damalige Gestapo-Chef Rudolf Diels, dass Hitler im Januar 1934 die Anfertigung eines Berichtes über „Herrn Röhm und seine Freundschaften“ verlangt habe. Hitler habe ihm erklärt, dass die Homosexualität „das alte Griechenland zugrunde gerichtet" habe. Die unmittelbare Folge des „Lasters“ sei, „dass die widernatürliche Passion alsbald in den Staatsgeschäften dominiere, wenn man sie walten lasse“.

Tatsächlich spielt das Thema Homosexualität bei der Ermordung von Röhm und etwa 200 weiteren Personen eine gewichtige Rolle. Der sogenannte „Röhm-Putsch“ vom 30. Juni 1934 hat zwar auch mit Konflikten um die künftige Rolle von SA und Reichswehr und um die von Röhm geforderte „soziale Revolution“ zu tun. Er ist aber auch das Ergebnis tiefgreifender innerparteilicher Konflikte um Röhms Homosexualität. Nicht ohne Grund rechtfertigt Goebbels die Ereignisse schon am 2.7.1934 in einer Rundfunkrede damit, die ermordeten SA-Führer hätten „die ganze Führung der Partei in den Verdacht einer schimpflichen und ekelerregenden sexuellen Abnormität“ gebracht.

Der „Röhm-Putsch“ ist letztlich auch ein Ausdruck der Tatsache, dass sich Himmler mit der von ihm propagierten Verschwörungstheorie zur Homosexualität in der NS-Führung durchsetzen kann. So erklärt Hitler die Morde vor dem Reichstag damit, dass „sich allmählich aus einer bestimmten gemeinsamen Veranlagung heraus in der SA. eine Sekte zu bilden begann, die den Kern einer Verschwörung nicht nur gegen die normalen Auffassungen eines gesunden Volkes, sondern auch gegen die staatliche Sicherheit abgab.“ Diese Theorie einer Unterwanderung und Zerstörung des Staates durch Homosexuelle gehört fortan zur Staatsräson des „Dritten Reiches“ und löst eine historisch singuläre Verfolgungspolitik aus, die nur wenige Monate später mit Razzien in Berliner Homosexuellenlokalen beginnt.

Literaturtipps:

Eleanor Hancock: Ernst Röhm. Hitler's SA chief of staff. New York 2008: Palgrave Macmillan.

Alexander Zinn: Die soziale Konstruktion des homosexuellen Nationalsozialisten. Zu Genese und Etablierung eines Stereotyps. Frankfurt am Main 1997: Peter Lang.

Alexander Zinn: "Aus dem Volkskörper entfernt"? Alltag und Verfolgung homosexueller Männer im "Dritten Reich". Dissertation am Max Weber Kolleg der Universität Erfurt. Berlin 2016.

Alexander Zinn: Schwule Nazis. Homosexuelle in Presse und Propaganda der Linken.

© Alexander Zinn 2017